| FäröerKettentanz | isländische Zwiegesänge | und Reimweisen | samische Joiks |
Zur
Musik der
Wikinger
gibt es in der Literatur so gut wie
keine Hinweise. Es werden lediglich einige der gefundenen Instrumente (wie
z.B. Knochenflöten,Lyra,Hörner) beschrieben und abgebildet (Versuche mit
diesen Instrumenten machte der Däne Mogens Friis, es gibt von Ihm die CD „drømte
mig en drøm“). Auf Runensteinen überlieferte Texte oder etwa die „Edda“
lassen vage Rückschlüsse auf die Praktiken der Skalden,
der sprechenden/singenden Dichter der Zeit zu.
In Island gab es offensichtlich bis vor kurzer Zeit
(wenn nicht sogar heute noch) Sänger, die sich Skalden nannten – dazu später
mehr.
Skalden waren entweder reisende Geschichtenerzähler, wobei die
Geschichten ebenso Neuigkeiten aus fernen Regionen darstellen konnten, als
auch Geschichten über die Götterwelt. Oder die Skalden waren bei Hofe
angestellt und waren dann sicher mehr Unterhaltungskünstler. Wenn wir den
isländischen
Traditionen glauben, dann stand der Gesang bei den
Skalden jedoch eher im Hintergrund, hinter der zu erzählenden Geschichte.
Versucht man in der Literatur irgendetwas zum Thema Wikingermusik
herauszufinden, so stösst man in der Regel nur auf das Zitat des
orientalischen Händlers At Tartuschi. Er bemerkte über
den Gesang der Wikinger, er klinge wie das Gebell von Hunden – nur noch
tierischer. Leider findet sich kein Hinweis
darauf, welche Art von Gesang er wohl gehört haben könnte. Es macht sicher
einen grossen Unterschied, ob man einem Skalden, einem feiernden
See-Heimkehrer oder vielleicht einem Schamanen zuhört.
Es gibt in
Amerika eine Frau Namens Freya Aswynn die mit schamanischen Gesängen aus der
nordischen Mythologie praktiziert. Unter dem Namen Songs of Yggdrasil
hat sie diese Gesänge 1998 auf CD gepresst. Wenn man diese CD
hört bekommt man durchaus eine Idee von dem, was At Tartuschi
einst schrieb.
Die Wikinger haben Ihre Musik nicht notiert, daher sind keine Lieder oder Instrumentalstücke überliefert. Ein winzig kleiner Teil der Musik wurde von den missionierenden Christen aufgeschrieben, jedoch erst, nachdem das Liedgut für Christen erträglich verändert worden war. Ein sehr originelles Beispiel hierfür ist der St. Magnus-Hymnus aus dem 13. Jahrhundert von den Orkney-Inseln. Zu einer Zeit in der zumeist in Quinten und Quarten gesungen wurde, wird hier alles in Terzen gesungen. Der Titel drückt den christlichen Charakter des Textes schon aus. Die Tatsache, daß diese Melodie erst relativ spät aufgeschrieben wurde, legt eine lange Zeit der christlichen Bearbeitung nahe. Ursprünglich soll das Stück wirklich weltlichen Charakter gehabt haben.
Über das Christentum
kommt man wohl kaum an den Kern der Musik der Wikinger.
Es ist wohl überliefert, daß die Wikinger viel und gern getanzt haben. Über Art und Weise, sowie über die dazugehörige Musik ist aber nicht viel bekannt. Da die Wikinger im hohen Norden lebten, haben ein Großteil von Ihnen jeweils ein halbes Jahr im hellen und ein halbes Jahr im dunkeln verbracht. In diesen dunklen Zeiten galt es, sich zu beschäftigen, mit Spielen, (Kunst-)Handwerk oder eben mit Musik. Ebenso bekannt sind die harten Lebensbedingungen, mit denen die Wikinger kämpften. Sie könnten erklären, daß relativ wenig Musikinstrumente aus dieser Zeit gefunden wurden, natürlich geht Überleben vor Unterhaltung.. Beide Aspekte zusammen sprechen dafür, daß die Wikinger eher gesungen (und getanzt) haben, als auf Instrumenten musiziert.
Eine Handvoll Melodien
(ebenfalls etwa aus dieser Zeit ) hat in sehr verschiedenen Formen
überlebt, so gibt es z.B. eine ganze Reihe Versionen der
norwegischen Ramundweise.
Zumindest scheinen einige der Melodien, die in ganz Nordeuropa
gefunden wurden, auf diese Weise zurück zu gehen.
Am
längsten überlebt haben die Wikinger wohl auf den vielen
Inseln.Auf Island etwa begann man auch einige Dinge aufzuschreiben.
Von musikalischer Notation wussten die Isländer allerdings auch
nicht viel, und so waren es doch eher Texte die notiert wurden.
Auf den Färöer Inseln
gibt es heute noch gesungene Tänze mit Wurzeln aus der
Wikingerzeit. In einem Fernsehbericht wurde ein Tanz, der
Kettentanz vorgestellt.
Bemerkenswert an der Melodieführung ist hier der Beginn in der
Höhe. Aus der Höhe pendelt die Melodie herunter, um dann
unvermittelt wieder zum Ausgangspunkt, der sogleich wieder zum
Startpunkt wird, zurückzukehren. Unzählige Strofen lassen
ein endloses Lied daraus werden.
In der Abendländischen
Tradition überwiegt der umgekehrte Melodiebogen: Aus der
entspannten, tiefen Lage steigt die Melodie empor, um sich dann
wieder zu entspannen.
Der Kettentanz allein lässt
nicht sehr viel Rückschlüsse auf die gesamte Färöer
Musik zu. Beim ersten Hören klingt es jedoch nach unser
gebräuchlichen Dur Tonleiter. Vom oberen Grundton (in C-Dur:
c2) geht es im Kettentanz abwärts bis zum g1, nach
einem Abwärts-schlenker bis zum d1 springt es wieder über
das g1 zum Ausgangspunkt. Der tiefe Grundton (c1) wird nicht
erreicht, dadurch behält die Musik auch über viele Strofen
hinweg ihre Spannung.
Ein weiteres Merkmal findet sich auch in
traditioneller isländischer Musik wieder, nämlich
Zwischenschlüsse auf unbetonter Zählzeit.
In Island haben sich bis heute zwei Traditionen bewahrt, die
scheinbar weit in das Mittelalter zurück reichen :
Tvisóngvar
und Rimnalóg
Isländische
Zwiegesänge (Tvisóngvar)
Leider
gibt es nur noch sehr wenige Isländer, die diese Gesangskunst
beherrschen. Dank dem isländischen Komponisten Jon Leifs
bleiben die tvisóngvar
allerdings der Nachwelt erhalten. Jon Leifs hat in den 1930er Jahren
eine Reihe von Zwiegesängen aufgenommen - auf Wachswalzen.
Diese Walzen liegen im (eh.)Phonogram-Archiv in Berlin (heute Museum
für Völkerkunde, Abt. Musikethnologie). Es ist meines
Wissens geplant, diese vom Verfall bedrohten Aufnahmen auf CD zu
veröffentlichen. Rechtliche Gründe verhindern dies aber
offensichtlich.
Erich
M. von Hornbostel (von 1905-33 Leiter des Phonogram-Archivs) hat
diese Aufnahmen in einem Aufsatz (einzusehen im
Schleswig-Holsteinischem Landesarchiv in Schleswig unter der Nr. E
II 47 : Phonografierte isländische Zwiegesänge) recht
genau notiert und beschrieben.
Tvisóngvar zeichnen
sich durch ihr langsames Tempo und durch die überkreuzende
Stimmführung der beiden Gesangsstimmen aus. Von Hornbostel
beschreibt in seinen Ausführungen eine recht rauhe Singmanier
der Isländer die bei zeitgenössischen isländischen
Aufnahmen (z.B. Islandica o. Kór
Langholtskirkju / Reykjavík) allerdings nicht zu hören
ist.
Nach Hornbostel hat sich in den 1970er Jahren Dr.
Gerhard Annewanter etwas näher mit den Zwiegesängen
beschäftigt. Wie Hornbostel, so untersuchte auch er die
melodischen Strukturen der Musik, kommt aber zu ganz anderen
Ergebnissen. Sein Aufsatz dazu wurde im Jahrbuch für
musikalische Volks- und Völkerkunde (Band 8, 1977 im Hans
Gerig Verlag, Köln) veröffentlicht.
Besonderheiten
der Tvisóngvar:
Sehr langsam
fortschreitende Quinten und Stimmkreuzungen.
Die Quintparallelen
werden dabei von Einklängen und Terzen unterbrochen, wobei der
Einklang oft zur Stimmkreuzung genutzt wird. Hornbostel nennt den
Tonvorrat lydisch mit den Tönen f-g-a-h-c-d-e,
während Annewanter von einer ditonischen Pentatonik
ausgeht. Die Töne wären dann e-f-a-h-c (weil hiermit alle
Schlüsse gebildet werden) mit g und d als Durchgangstönen.
Die Quinten sind immer reine Quinten ! Die Unterquint von f also b,
die Oberquint vom h also fis.
Isländische
Reimweisen (Rimnalóg)
Wie oben bereits
erwähnt, gab es bis vor kurzen auf Island noch Sänger, die
sich Skalden nannten. Die Reimweisen, wie sie von solchen Skalden
gesungen wurden, lassen sicher Rückschlüsse auf die Praxis
der damaligen Skalden zu.
Im Gegensatz zu den tvisóngvar spielt bei den rimnalóg die Melodie eher eine untergeordnete Rolle. Eine sehr einfache Melodie ordnet sich dem Text- bzw. Sprachrhythmus unter.
Ich
denke, trotz der Randlage der Isländer in Bezug auf die
Wikinger, kommt man der Musik der Wikinger kaum näher als durch
diese Gesänge.
Andererseits:
Vergleichen wir die
isländischen Zwiegesänge einmal mit den
Joiks
der Samen oder Lappen
die ja auch eine Randlage zu
den Wikingern einnehmen, so stellen wir so gravierende Unterschiede
fest, daß es schwer ist, sich eine Mitte zwischen den beiden
Gesangsarten vorzustellen.
In Skandinavien (vor allem Finnland)
ist es nicht so schwer an Aufnahmen solcher Joiks zu kommen. Die
Samen leben sehr im Bewusstsein Ihrer Tradition, daher beherrschen
sie nach wie vor Ihre altüberlieferten Melodien - dennoch sind
sie offen für die moderne Welt und verschliessen sich nicht
neuen Aufnahmetechniken. Ein Beleg dafür ist auch der Erfolg
von Mari Boine. Sie verbindet ihre traditionelle Musik mit dem Jazz
und hat mehrere CD´s veröffentlicht.
In Deutschland
ist mir keine Aufnahmequelle bekannt, wenn ich einmal davon absehe,
daß im Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum in Schleswig eine
kurze Probe zu hören ist.
Die Joiks haben ein erheblich
schnelleres Tempo und sind in der Melodieführung wesentlich
sprunghafter als die Isländischen Zwiegesänge.
Trifft
man heute bei Wikinger-Veranstaltungen auf Musik, so
hört man sehr vieles aus der abendländischen und vor allen
Dingen aus der keltischen Tradition. Mit Sicherheit haben die
Wikinger diese Musik gekannt. Aber bei dem heutigen Wissensstand,
sowohl mittels gefundener Instrumente, gerade aber auch durch diese
hier erwähnten Traditionen bezweifle ich eine Identifikation
der Wikinger mit diesen Musikstilen doch stark. Vieles spricht
dafür, daß die Wikinger ein sehr Eigenes Verständnis
für und von Musik hatten.